Gestern Abend saß ein besonderer Gast am Tresen.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte, denn ich hatte mir vorgenommen, eine Zeitlang auf die Gesellschaft von meinesgleichen zu verzichten. Der Vampir, der vor mir stand, war mir jedoch am liebsten, denn er erinnerte mich weder an die Ewigkeit, die vor mir liegt wie ein Pflastersteinweg ohne Ziel, noch erinnerte er mich an jene Episode meines Lebens, die ich mit der Gegenwart zu übertünchen und mit Gedanken an frühere Zeiten zu ummanteln suche.
Es handelte sich um den Vampir, den ich Vater nenne, obwohl er vier Jahre weniger als ich auf dieser Welt weilt, während er zwei Lebensjahre mehr als Vampir vorzuweisen hat. Ich hatte zwar nicht mit ihm gerechnet, jedoch überraschte mich sein Anblick nicht sonderlich. Wir beide wissen, wo der andere lebt und wie man miteinander in Kontakt treten kann. Wechselt einer Wohnort und Identität, erfährt der andere davon. Ebenso weiß ich, wo der Alte und der Jüngste derzeit ihre Zelte aufgeschlagen haben. Wir helfen einander in der Not. Ansonsten sind wir Einzelgänger. Ob das ein allgemeines Phänomen ist, weiß ich nicht, und den Alten habe ich nie danach gefragt.
Mein Vater verriet mit keiner Geste, keinem Blick, dass er mich kannte. Ich dankte ihm innerlich für seine Diskretion und fühlte mich beobachtet, obwohl er mich ignorierte, wenn er nicht gerade ein Glas Whisky bestellte. Sein mich meidender Blick durchbohrte mich.

Ich frage mich, was ihn zu mir geführt hat. Wir haben kein Wort miteinander gewechselt und uns nicht verabredet. Heute habe ich auf das Läuten meiner Türglocke gewartet. Doch alles, was läutete, waren die Kirchglocken.
 



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