Das Brot, das ich mitgebracht hatte, war zwar nicht mehr warm, aber es duftete. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Knappe 200 Jahre Vampirdasein haben meinen Geschmackssinn nicht abtöten können, der ebenso rudimentär ist wie ein Blinddarm.
"Tut mir leid", sagte Thorsten. "Aber ich habe es nicht geschafft, Blutwurst zu kaufen."
"Das ist nicht schlimm."
"Ich bin völlig erledigt."
Thorsten hatte das Wochenende bei einer Auktion verbracht, nicht als Bietender, sondern als Hilfskraft. Er hatte Auktionsstücke herausgesucht, verpackt, Kunden angelächelt und ihnen Gläser, abgegriffene Münzen, alte Dolche, halbzerfallene Bücher gezeigt und die ganze Zeit über gestanden. Am Tage im Auktionshaus, abends hinter dem Tresen der Bar. Er braucht das Geld, denn sein Auto hat endgültig seinen Geist aufgegeben, schaut sich die Straße nun von unten an. Ich wünschte, ich könnte ihm helfen, aber auch ich lebe nur so dahin, halte mich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser. Ich bin zu träge und hänge zu sehr der Vergangenheit nach, um den Bissspuren des Zahns der Zeit zu folgen und mir eine einschlagende Geschäftsidee zu überlegen. Große Geschäfte habe ich in den 20er Jahren gemacht.
"Irgend so ein Bild ist für 1700 Euro rausgegangen. An einen telefonischen Bieter, den ich am Ohr hatte", sagte Thorsten. "Einen Bulgaren. Ich musste auf Englisch mit ihm sprechen."
"Der am schlechtesten bezahlte Angestellte musste den besten Kunden betreuen. Unglaublich. Konnten die anderen kein Englisch?"
"Wahrscheinlich nicht gut genug. Das war seltsam. Ich habe richtig mitgefiebert, und als der Bulgare die Auktion gewann, habe ich mich kurzzeitig mindestens so sehr gefreut wie er. Aber, Scheiße nochmal, 1700 hab ich nicht in einem Monat."
"Was zeigte das 1700-Euro-Gemälde denn?"
"Eine nackte Frau."
Ich lächelte. "Präziser geht es wohl nicht?"
Thorsten zuckte mit den Schultern. "Hm ... die hat rumgelegen und nicht in die Kamera geschaut. Ähm, du weißt, was ich meine. Ich glaube, sie hatte sogar die Augen geschlossen. Aber so genau hab ich mir ihre Augen nicht angeguckt."
"1700 Euro nur fürs Anschauen. Da werden Frauen, die nach dem Anschauen noch keine Grenze ziehen, schlechter bezahlt."
 
 
Norah Jones sang ihre Sagen von kleinen gebrochenen Herzen, während ich Grenadine über einen Tequila Sunrise flutete und damit die Sonne hinzufügte. Ich stellte den Drink auf den Tresen vor die Dame, die ihn bestellt hatte. Sie nickte dankbar, entrang sich aber kein Lächeln. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es ein Tequila Sundown, der da vor ihr stand.
Ich vergaß sie für eine Weile, während ich Bier zapfte, Wodka und Bitter Lemon zusammenschüttete, einen Planter's Punch und einige andere Drinks mixte. An den Planter's Punch erinnere ich mich, weil ich die Muskatreibe nicht finden konnte. Im Stillen verfluchte ich Thorsten und schabte mit dem Messer einige grobkörnige Splitter Muskatnuss auf die schaumtragende Oberfläche des Cocktails, bevor ich ihn Cindy, der Kellnerin, übergab.
Die Dame trat erneut in mein Bewusstsein, als sie ihren nächsten Tequila Sunrise bestellte.
"Oh, Hallo!", drang es vom Rande des Tresens her zu mir. Ich wandte meinen Kopf von der Dame ab und hin zu der Stelle, von wo der Gruß gekommen war. Überrascht blickte ich die Frau mit rotem Bubikopf an.
"Du arbeitest hier?"
Ich lächelte still und nickte. Sie nannte mir ihren Namen und reichte die Hand zum Gruß. Wenn ich von ihr schreibe, benutze ich ihn jedoch nicht, sondern nenne sie, angelehnt an den Namen der Schauspielerin Louise Brooks, Louise Rouge. Auch ich stellte mich ihr vor. Wenn wir uns im Treppenhaus begegneten, brachten wir nicht mehr als ein flüchtiges Nicken zustande. Hier wurden wir gleich zu Bekannten. Manchmal braucht es erst eines Anstoßes.
"Was möchtest du trinken?", fragte ich.
"Irgendwas Grünes."
"Green Poison?"
"Klingt gut."
"Du weißt doch gar nicht, was drin ist."
"Ich werd's dann schmecken."
Während ich den Cocktail mixte, sagte ich: "Ist nicht gerade der nächste Weg."
Louise Rouge deutete auf einen Ecktisch. "Mein Freund wohnt hier in der Nähe." Sie lächelte verklärt. "Mein neuer Freund."
Als ihr Cocktail fertig war, griff sie nach dem Glas, nickte mir zu und sagte, bevor sie sich abwandte, um zu ihrem Tisch zu gehen: "Wir sehen uns."
Als das Glas der Dame am Tresen wieder leer war, blickte ich sie an und zog eine Augenbraue nach oben. Wir verständigten uns stumm. Ich mixte ihr einen weiteren Tequila Sunrise. Im Schwarz ihrer halblangen Haare konnte ich nicht eine einzige graue Strähne entdecken, obwohl die feinen Falten um ihre Augen und die Mundwinkel herum vereinzelte graue Haare erwarten ließen. Sie trug dunklen Lippenstift, der ihrem Gesicht einen harten Zug verlieh. Ihre Augen jedoch schimmerten weich. Es mochten unterdrückte Tränen sein, die sie zum Glänzen brachten.
Als Norah Jones vom Weiterziehen sang, wollte die Dame ihren fünften Drink bestellen. Ich blickte sie an und atmete tief aus. "Ich glaube, ein Glas Wasser würde Ihnen guttun."
"Woher wollen Sie wissen, was mir guttut!"
"Ist nur so eine Vermutung." Ich nahm einen Bierhumpen, füllte ihn randvoll mit Wasser, stellte ihn auf die Theke und schob ihn zu der Dame hin. "Das Wasser geht aufs Haus."
"Ich möchte lieber einen Tequila Sunrise." Jetzt klang sie nicht mehr aggressiv, sondern weinerlich.
"Sie bekommen einen Sunrise, der auch aufs Haus geht. Aber nicht im Glas, sondern hinter Ihrem Fenster. Auch wenn Sie den wahrscheinlich verkatert erleben werden. Aber besser als gar nicht. Denn wenn Sie in dieser Geschwindigkeit weitertrinken ..."
"Haben Sie ein Taschentuch?"
Ich reichte ihr eine Serviette.
"Ich habe das Recht, mich zu betrinken. Ich werde nicht mehr besonders viele Sonnenaufgänge erleben."
Auf einmal sah ich, wie mager sie war, und mir wurde bewusst, dass das Schwarz ihres Haars ohne graue Strähnen das Schwarz einer Perücke war.
Da saß sie, die Frau, der die Sonnenaufgänge entglitten wie Perlen einer zerrissenen Kette, ihr gegenüber stand ich, die zu viele Sonnenuntergänge vor sich hat, so viele, dass es unmöglich ist, sie zu schätzen zu wissen.
 
 
"Was machst du denn hier?", fragte Thorsten, der am Zapfhahn stand und Bier in ein Glas laufen ließ. Ich saß auf einem Barhocker und lächelte ihn an. Er sagte: "Du als Gast, das ist ein ungewöhnlicher Anblick."
"Die Bar ist auch ein ungewöhnlicher Anblick, von dieser Seite aus betrachtet."
"Was führt dich hierher?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Die Langeweile. Und mein Appetit auf Sing Sling. Machst du mir bitte einen?"
"Klar."
Tatsächlich hat mich weder das eine noch das andere in diese Bar geführt, sondern die Hoffnung, meinem Vater noch einmal zu begegnen und herauszufinden, was wiederum ihn zwei Tage zuvor in die Bar, in der ich arbeite, geführt hat.
Nachdem Thorsten das Bier fertiggezapft, eine Blume Schaum darauf gepflanzt und es der Kellnerin übergeben hatte, griff er nach einem Becherglas und füllte es mit Würfeleis. Als er nacheinander Zuckersirup, Zitronensaft, Gin und Kirschlikör darüber laufen ließ, juckte es mir in den Fingern, ihm die jeweilige Flasche aus der Hand zu nehmen, um den Cocktail selbst fertigzustellen. Das schien in meinem Blick zu liegen, denn Thorsten bemerkte es und lächelte mich verschmitzt an. Er reichte mir die Flasche Bénédictine mit den Worten: "Den i-Punkt kannst du selber drauf setzen."
Die Eiswürfel klackten, als Thorsten den Cocktail schüttelte, ein Geräusch, das sich für kurze Zeit mit Johnny Cashs Version von Solitary Man verband. Nachdem Thorsten meinen Singapore Sling mit Soda aufgefüllt, mit einem Trinkhalmpaar und einer Frucht am Rand versehen hatte, stellte er ihn auf den Tresen und sagte: "Schmecken lassen."
"Danke."
Ich liebe den bittersüßen Geschmack des Cocktails, der um die vorletzte Jahrhundertwende herum in Singapur geboren wurde, 1930 erstmals Erwähnung fand und geschätzte 70 Jahre jünger ist als ich. Man muss ihn schnell trinken, damit auch der letzte Schluck noch prickelt.
 
 
Gestern Abend saß ein besonderer Gast am Tresen.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte, denn ich hatte mir vorgenommen, eine Zeitlang auf die Gesellschaft von meinesgleichen zu verzichten. Der Vampir, der vor mir stand, war mir jedoch am liebsten, denn er erinnerte mich weder an die Ewigkeit, die vor mir liegt wie ein Pflastersteinweg ohne Ziel, noch erinnerte er mich an jene Episode meines Lebens, die ich mit der Gegenwart zu übertünchen und mit Gedanken an frühere Zeiten zu ummanteln suche.
Es handelte sich um den Vampir, den ich Vater nenne, obwohl er vier Jahre weniger als ich auf dieser Welt weilt, während er zwei Lebensjahre mehr als Vampir vorzuweisen hat. Ich hatte zwar nicht mit ihm gerechnet, jedoch überraschte mich sein Anblick nicht sonderlich. Wir beide wissen, wo der andere lebt und wie man miteinander in Kontakt treten kann. Wechselt einer Wohnort und Identität, erfährt der andere davon. Ebenso weiß ich, wo der Alte und der Jüngste derzeit ihre Zelte aufgeschlagen haben. Wir helfen einander in der Not. Ansonsten sind wir Einzelgänger. Ob das ein allgemeines Phänomen ist, weiß ich nicht, und den Alten habe ich nie danach gefragt.
Mein Vater verriet mit keiner Geste, keinem Blick, dass er mich kannte. Ich dankte ihm innerlich für seine Diskretion und fühlte mich beobachtet, obwohl er mich ignorierte, wenn er nicht gerade ein Glas Whisky bestellte. Sein mich meidender Blick durchbohrte mich.

Ich frage mich, was ihn zu mir geführt hat. Wir haben kein Wort miteinander gewechselt und uns nicht verabredet. Heute habe ich auf das Läuten meiner Türglocke gewartet. Doch alles, was läutete, waren die Kirchglocken.
 
 
Ich stand vor der Theke einer Fleischerei und betrachtete die Auslagen. Das Angebot interessierte mich nicht sonderlich, schließlich wusste ich, was ich wollte, aber vor mir warteten drei Leute, und ich hatte nichts Besseres zu tun. Plötzlich fragte eine der Verkäuferinnen: „Was darf's bei Ihnen sein?“
Überrascht blickte ich auf. "Äh, sechs Pfund Blutwurst bitte."
"Sind Sie sicher?"
"Ja, bin ich."
"Ein Pfund sind 500 Gramm."
"Ich weiß."
"Also sechs Pfund sind drei Kilo."
Ich nickte.
"Ist gut", murmelte die Verkäuferin. "Ich muss sehen, ob wir noch so viel ..." Ihr Satz verlor sich, während sie den Verkaufsraum verließ. Sie kam mit sieben großen Würsten wieder. Mit Leidensmiene fragte sie: "Geschnitten?"
Ich war versucht zu nicken, entschied mich jedoch für: "Nicht nötig, danke."
Sichtlich erleichtert schlug die Verkäuferin meine drei Kilogramm Blutwurst in Papier, steckte sie in eine Plastiktüte und reichte sie mir über den Tresen, nachdem ich gezahlt hatte. Als ich den Laden verließ, lief mir das Starren der Leute kalt den Rücken herunter.

Seitdem habe ich mich darauf verlegt, meinen Blutwursteinkauf nicht nur in einem einzigen Geschäft zu erledigen. So laufe ich durch die Stadt, von Fleischer zu Fleischer, um in einem Geschäft einige Scheiben Blutwurst, in einem anderen ein Glas Rotwurst und im nächsten Laden wiederum einen halben Ring Pfälzer Speckblutwurst zu kaufen. Alles in allem besuchte ich heute einen Supermarkt, zwei Tante-Emma-Läden und neun Fleischer. Ich weiß, man sollte nicht hungrig einkaufen gehen.
 
 
Obwohl ich lieber bei geschlossenen Jalousien in meiner Wohnung sitzen, einer meiner alten Schellackplatten lauschen und Erinnerungen nachhängen würde, muss ich mich doch auf den Weg machen, um etwas Hungerstillendes zu besorgen. Einerseits für Madame, die schon zwei Strategien ausprobiert hat, um meinen unwilligen Hintern aus dem Haus zu bewegen: Ungnädig miauen (=fauchen.) Und meine Beine umschmeicheln, was sonst nicht ihre Art ist. Ehrlich gesagt, möchte ich Madame nicht dazu zwingen, eine dritte Strategie aufs Tableau zu bringen. Vielleicht ließe sie sich sogar streicheln. Das muss nicht sein, das wäre wider ihre Natur.
Wider meine Natur wäre, Nudeln zu kochen und diese zu verzehren, um mich zu sättigen. Womit wir beim andererseits wären. Daher muss ich mich so oder so auf den Weg machen, sonst geschieht noch ein Unglück.
 

Madame

11/18/2013

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Ich habe eine Katze von Welt. Das heißt, ich habe sie nicht. Sie wohnt bei mir wie in einem Hotel mit Vollpension und Leckereien auf dem Kopfkissen.
Die Welt haftete noch an ihren Pfoten und bröckelte auf den Fußboden, als sie durch meine Zimmer strich, um sich umzusehen.
Ein Tisch aus dunklem Holz, ein Stuhl davor, der ihr zu hart zu sein schien. Mein Sofa gefiel ihr besser.
Sie kniff die Augen zusammen und sprang auf das Fensterbrett, galant wie im Tanze, um die Welt, die Stadt, von oben zu betrachten, die an manchen Tagen grau, an anderen Tagen bunt, an jenem Tage hell, gelb und sonnig die Augen blendete. Die Katze begann, sich in der Sonne zu baden, streckte sich aus, schnurrte und leckte sich die Welt von den Pfoten.