Norah Jones sang ihre Sagen von kleinen gebrochenen Herzen, während ich Grenadine über einen Tequila Sunrise flutete und damit die Sonne hinzufügte. Ich stellte den Drink auf den Tresen vor die Dame, die ihn bestellt hatte. Sie nickte dankbar, entrang sich aber kein Lächeln. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es ein Tequila Sundown, der da vor ihr stand.
Ich vergaß sie für eine Weile, während ich Bier zapfte, Wodka und Bitter Lemon zusammenschüttete, einen Planter's Punch und einige andere Drinks mixte. An den Planter's Punch erinnere ich mich, weil ich die Muskatreibe nicht finden konnte. Im Stillen verfluchte ich Thorsten und schabte mit dem Messer einige grobkörnige Splitter Muskatnuss auf die schaumtragende Oberfläche des Cocktails, bevor ich ihn Cindy, der Kellnerin, übergab.
Die Dame trat erneut in mein Bewusstsein, als sie ihren nächsten Tequila Sunrise bestellte.
"Oh, Hallo!", drang es vom Rande des Tresens her zu mir. Ich wandte meinen Kopf von der Dame ab und hin zu der Stelle, von wo der Gruß gekommen war. Überrascht blickte ich die Frau mit rotem Bubikopf an.
"Du arbeitest hier?"
Ich lächelte still und nickte. Sie nannte mir ihren Namen und reichte die Hand zum Gruß. Wenn ich von ihr schreibe, benutze ich ihn jedoch nicht, sondern nenne sie, angelehnt an den Namen der Schauspielerin Louise Brooks, Louise Rouge. Auch ich stellte mich ihr vor. Wenn wir uns im Treppenhaus begegneten, brachten wir nicht mehr als ein flüchtiges Nicken zustande. Hier wurden wir gleich zu Bekannten. Manchmal braucht es erst eines Anstoßes.
"Was möchtest du trinken?", fragte ich.
"Irgendwas Grünes."
"Green Poison?"
"Klingt gut."
"Du weißt doch gar nicht, was drin ist."
"Ich werd's dann schmecken."
Während ich den Cocktail mixte, sagte ich: "Ist nicht gerade der nächste Weg."
Louise Rouge deutete auf einen Ecktisch. "Mein Freund wohnt hier in der Nähe." Sie lächelte verklärt. "Mein neuer Freund."
Als ihr Cocktail fertig war, griff sie nach dem Glas, nickte mir zu und sagte, bevor sie sich abwandte, um zu ihrem Tisch zu gehen: "Wir sehen uns."
Als das Glas der Dame am Tresen wieder leer war, blickte ich sie an und zog eine Augenbraue nach oben. Wir verständigten uns stumm. Ich mixte ihr einen weiteren Tequila Sunrise. Im Schwarz ihrer halblangen Haare konnte ich nicht eine einzige graue Strähne entdecken, obwohl die feinen Falten um ihre Augen und die Mundwinkel herum vereinzelte graue Haare erwarten ließen. Sie trug dunklen Lippenstift, der ihrem Gesicht einen harten Zug verlieh. Ihre Augen jedoch schimmerten weich. Es mochten unterdrückte Tränen sein, die sie zum Glänzen brachten.
Als Norah Jones vom Weiterziehen sang, wollte die Dame ihren fünften Drink bestellen. Ich blickte sie an und atmete tief aus. "Ich glaube, ein Glas Wasser würde Ihnen guttun."
"Woher wollen Sie wissen, was mir guttut!"
"Ist nur so eine Vermutung." Ich nahm einen Bierhumpen, füllte ihn randvoll mit Wasser, stellte ihn auf die Theke und schob ihn zu der Dame hin. "Das Wasser geht aufs Haus."
"Ich möchte lieber einen Tequila Sunrise." Jetzt klang sie nicht mehr aggressiv, sondern weinerlich.
"Sie bekommen einen Sunrise, der auch aufs Haus geht. Aber nicht im Glas, sondern hinter Ihrem Fenster. Auch wenn Sie den wahrscheinlich verkatert erleben werden. Aber besser als gar nicht. Denn wenn Sie in dieser Geschwindigkeit weitertrinken ..."
"Haben Sie ein Taschentuch?"
Ich reichte ihr eine Serviette.
"Ich habe das Recht, mich zu betrinken. Ich werde nicht mehr besonders viele Sonnenaufgänge erleben."
Auf einmal sah ich, wie mager sie war, und mir wurde bewusst, dass das Schwarz ihres Haars ohne graue Strähnen das Schwarz einer Perücke war.
Da saß sie, die Frau, der die Sonnenaufgänge entglitten wie Perlen einer zerrissenen Kette, ihr gegenüber stand ich, die zu viele Sonnenuntergänge vor sich hat, so viele, dass es unmöglich ist, sie zu schätzen zu wissen.
 
 
"Was machst du denn hier?", fragte Thorsten, der am Zapfhahn stand und Bier in ein Glas laufen ließ. Ich saß auf einem Barhocker und lächelte ihn an. Er sagte: "Du als Gast, das ist ein ungewöhnlicher Anblick."
"Die Bar ist auch ein ungewöhnlicher Anblick, von dieser Seite aus betrachtet."
"Was führt dich hierher?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Die Langeweile. Und mein Appetit auf Sing Sling. Machst du mir bitte einen?"
"Klar."
Tatsächlich hat mich weder das eine noch das andere in diese Bar geführt, sondern die Hoffnung, meinem Vater noch einmal zu begegnen und herauszufinden, was wiederum ihn zwei Tage zuvor in die Bar, in der ich arbeite, geführt hat.
Nachdem Thorsten das Bier fertiggezapft, eine Blume Schaum darauf gepflanzt und es der Kellnerin übergeben hatte, griff er nach einem Becherglas und füllte es mit Würfeleis. Als er nacheinander Zuckersirup, Zitronensaft, Gin und Kirschlikör darüber laufen ließ, juckte es mir in den Fingern, ihm die jeweilige Flasche aus der Hand zu nehmen, um den Cocktail selbst fertigzustellen. Das schien in meinem Blick zu liegen, denn Thorsten bemerkte es und lächelte mich verschmitzt an. Er reichte mir die Flasche Bénédictine mit den Worten: "Den i-Punkt kannst du selber drauf setzen."
Die Eiswürfel klackten, als Thorsten den Cocktail schüttelte, ein Geräusch, das sich für kurze Zeit mit Johnny Cashs Version von Solitary Man verband. Nachdem Thorsten meinen Singapore Sling mit Soda aufgefüllt, mit einem Trinkhalmpaar und einer Frucht am Rand versehen hatte, stellte er ihn auf den Tresen und sagte: "Schmecken lassen."
"Danke."
Ich liebe den bittersüßen Geschmack des Cocktails, der um die vorletzte Jahrhundertwende herum in Singapur geboren wurde, 1930 erstmals Erwähnung fand und geschätzte 70 Jahre jünger ist als ich. Man muss ihn schnell trinken, damit auch der letzte Schluck noch prickelt.
 
 
Gestern Abend saß ein besonderer Gast am Tresen.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte, denn ich hatte mir vorgenommen, eine Zeitlang auf die Gesellschaft von meinesgleichen zu verzichten. Der Vampir, der vor mir stand, war mir jedoch am liebsten, denn er erinnerte mich weder an die Ewigkeit, die vor mir liegt wie ein Pflastersteinweg ohne Ziel, noch erinnerte er mich an jene Episode meines Lebens, die ich mit der Gegenwart zu übertünchen und mit Gedanken an frühere Zeiten zu ummanteln suche.
Es handelte sich um den Vampir, den ich Vater nenne, obwohl er vier Jahre weniger als ich auf dieser Welt weilt, während er zwei Lebensjahre mehr als Vampir vorzuweisen hat. Ich hatte zwar nicht mit ihm gerechnet, jedoch überraschte mich sein Anblick nicht sonderlich. Wir beide wissen, wo der andere lebt und wie man miteinander in Kontakt treten kann. Wechselt einer Wohnort und Identität, erfährt der andere davon. Ebenso weiß ich, wo der Alte und der Jüngste derzeit ihre Zelte aufgeschlagen haben. Wir helfen einander in der Not. Ansonsten sind wir Einzelgänger. Ob das ein allgemeines Phänomen ist, weiß ich nicht, und den Alten habe ich nie danach gefragt.
Mein Vater verriet mit keiner Geste, keinem Blick, dass er mich kannte. Ich dankte ihm innerlich für seine Diskretion und fühlte mich beobachtet, obwohl er mich ignorierte, wenn er nicht gerade ein Glas Whisky bestellte. Sein mich meidender Blick durchbohrte mich.

Ich frage mich, was ihn zu mir geführt hat. Wir haben kein Wort miteinander gewechselt und uns nicht verabredet. Heute habe ich auf das Läuten meiner Türglocke gewartet. Doch alles, was läutete, waren die Kirchglocken.
 
 
Gestern Abend war in der Bar nicht viel los. Die wenigen Gäste hatten den Anstand, nacheinander zu kommen und nacheinander zu bestellen, sodass für mich nicht eine Minute im Stress verging. Es sind jene Abende, die mir die Zeit geben, die Gäste der Bar zu beobachten, die so verschieden sind wie die Drinks auf der Karte. Es sind jene Abende, die mir die Muße erlauben, mich darüber zu freuen, einen ausgefallenen Cocktail mixen zu dürfen. Oder einen Klassiker, der schon angestaubt ist, weil er heutzutage nur selten gewünscht wird. Es sind aber auch jene Abende, an denen ich mich einsam fühle, denn unter der Woche ist nur ein Barkeeper vonnöten. Thorsten hatte frei. Um dieser Einsamkeit etwas entgegenzusetzen, ließ ich am Anfang des Abends eine Scheibe der Band Arcade Fire laufen, die Thorsten so liebt und sich von mir auch nicht beirren lässt, wenn ich ihm sage, dass es das alles schon einmal gab, und zwar besser, von David Bowie.
"David Bowie ist bekennender Arcade-Fire-Fan."
"Ich weiß. Wahrscheinlich, weil er sich geschmeichelt fühlt."
Wie auch immer. Gestern fühlte ich mich durch die Musik erinnert an das Gegenteil meiner Einsamkeit, auch wenn ich das in Thorstens Hörweite wohl niemals zugeben würde.
Eine elegante alte Dame bestellte einen Mai Tai, obwohl ich finde, dass ein Lady's Sidecar besser zu ihr gepasst hätte. Die Leute bestellen nie, wirklich nie, was zu ihnen passt. (Gut, ich muss zugeben, auch ich gehöre zu jenen Leuten. Mein favorisierter Cocktail ist nicht etwa Bloody Mary, sondern Singapore Sling.)
Einen Tisch am Fenster hatten ein Mann und eine Frau belegt, von denen ich bis jetzt nicht sagen kann, ob sie ein Paar sind, gute Freunde oder Geschwister. Er setzte den ganzen Abend über seinen Hut nicht ab, sie tippte von Zeit zu Zeit neckend an seine Krempe. Dass sie im Rollstuhl saß, bekam ich erst mit, als die beiden die Bar verließen. Cindy, die Kellnerin, hatte mit den beiden keinerlei Mühe, denn immer, wenn das Glas seiner Begleiterin leer war, ging er persönlich zur Bar, um neue Drinks zu holen. Schwarzbier für sich selbst, Manhattan für sie. Zwar nicht angestaubt, aber immerhin ein Klassiker.
 
 
"Ich weiß, ich bin zu spät, du bist sauer, du sagst, das ist unverantwortlich. Du hast recht. Ich werde mich nie ändern." Ich musste mich zu Thorsten hinabbeugen, ihm ins Ohr schreien, um durch die Musik zu ihm vorzudringen.
Thorsten hatte keine Zeit zu reagieren, da er gerade Cachaca in zehn Caipirinha-Gläser goss, in jeder Hand eine Flasche haltend und sich von außen nach innen vorarbeitend. Als sich die beiden Flaschen in der Mitte getroffen hatten, stellte er sie zurück in den Barstock. Die in seiner linken Hand zu seinen Flaschen, die Flasche in seiner rechten zurück zu meinen. Sonst hasse ich es, wenn er das tut. Wenn er sich meiner Flaschen bedient, um seine Show zu präsentieren, gerade in dem Moment, in dem ich den Cachaca dringend benötige und, nein, nicht erst einmal schnell zwei andere Cocktails vorbereiten kann.
Thorsten warf mir einen kurzen Blick zu, ich lächelte schief und knöpfte meinen Mantel auf. Nachdem ich den Mantel an den Garderobenständer gehängt hatte, der hinter der Tür mit dem Schild 'Nur für Personal' steht, nahm ich meinen Platz hinter der Bar ein, um Cocktails und Drinks zu mixen, die sich die Gäste entweder direkt am Tresen bestellten oder die Kellnerinnen zu ihnen trugen.
Pina Colada, Peach Dream Lady, Sex On The Beach, Lady's Sidecar, Caipirinha, Wodka-Martini, Mai Tai. Eine kurze Zeit der Ruhe, dann: "Ich nehme einen Tequila." Ich blickte dem Mann ins Gesicht, nickte und stellte ein Schnapsglas auf den Tresen. Das füllte ich mit dem gewünschten Schnaps und steckte einen Zitronenschnitz an den Rand. Als ich zum Salz greifen wollte, sagte der Mann: „Nein, kein Salz.“ Die Frau neben ihm kicherte und zog sich das T-Shirt über den Kopf. Ich erstarrte in meiner Bewegung. Meine Hand klebte am Salzstreuer und meine Augen an ihren Brüsten, die durch die schwarze Spitze ihres Büstenhalters hindurch schimmerten. Ich riss meine Augen los und warf Thorsten einen Blick zu. Er schüttelte langsam den Kopf, lächelte dabei allerdings. Die Frau legte sich rücklings auf zwei Barhocker, so gut es ging. Ihre Beine hingen nach unten, den Kopf hielt sie in der Schwebe. Ihr Freund drückte die Zitronenscheibe über seinem geöffneten Mund aus, dann goss er den Tequila in ihren Bauchnabel, sie schrie auf. Die Flüssigkeit rann über ihren Bauch und tropfte auf den Fußboden. Alle starrten, als der Mann begann, den Tequila aus ihrem Bauchnabel zu schlürfen.
"Hast du nichts zu tun?", rief ich Thorsten zu. Er zuckte zusammen, blickte mich an und lächelte um Nachsicht heischend. Inzwischen hatte sich die junge Frau wieder aufgerichtet und war dabei, sich ihr Shirt überzuziehen. Ihr Freund drückte sie an sich und küsste sie, sie lächelten einander an, dann wandten sie sich mir zu und lächelten mich an. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als die Frau sagte: "Zwei Caipis bitte."

"Du musst dir das echt abgewöhnen", sagte Thorsten, als alle Gäste verschwunden waren, wir die Tür abgeschlossen hatten und Stille sich über die Unordnung gelegt hatte, die der Abend und die Nacht hinterlassen hatten. Die Stille hatte etwas Feierliches an sich, das auch Thorsten wahrzunehmen schien, denn seine Worte kamen nur als Flüstern aus seinem Munde. "Ich rede vom Zuspätkommen."
"Das habe ich mir schon gedacht."
"Das wird dich irgendwann den Job kosten."
"Dann suche ich mir einen neuen."
"Und was soll ich dann machen?"
Ich ließ Thorstens Frage unkommentiert und stellte die gebrauchten Gläser in die Spülmaschine. Nach einer Weile fragte Thorsten: "Lust auf Frühstück nachher?"
Ich nickte.
"Um neun bei mir?"
"Gut. Ich werde versuchen, pünktlich zu sein."
Thorsten verdrehte die Augen. "Wenn ich das schon höre."
 
 
Bin schon sehr spät dran heute Abend, sehr spät. Ich wünschte, ich könnte mir etwas Zeit vorschießen lassen, habe doch ohnehin genug davon ... nur nicht heute. Wollte ich pünktlich sein, müsste ich mit ungefähr 60 km/h fliegen und dabei die Luftlinie nehmen. Aber in eine Fledermaus verwandeln kann ich mich nicht.