"Ich weiß, ich bin zu spät, du bist sauer, du sagst, das ist unverantwortlich. Du hast recht. Ich werde mich nie ändern." Ich musste mich zu Thorsten hinabbeugen, ihm ins Ohr schreien, um durch die Musik zu ihm vorzudringen.
Thorsten hatte keine Zeit zu reagieren, da er gerade Cachaca in zehn Caipirinha-Gläser goss, in jeder Hand eine Flasche haltend und sich von außen nach innen vorarbeitend. Als sich die beiden Flaschen in der Mitte getroffen hatten, stellte er sie zurück in den Barstock. Die in seiner linken Hand zu seinen Flaschen, die Flasche in seiner rechten zurück zu meinen. Sonst hasse ich es, wenn er das tut. Wenn er sich meiner Flaschen bedient, um seine Show zu präsentieren, gerade in dem Moment, in dem ich den Cachaca dringend benötige und, nein, nicht erst einmal schnell zwei andere Cocktails vorbereiten kann.
Thorsten warf mir einen kurzen Blick zu, ich lächelte schief und knöpfte meinen Mantel auf. Nachdem ich den Mantel an den Garderobenständer gehängt hatte, der hinter der Tür mit dem Schild 'Nur für Personal' steht, nahm ich meinen Platz hinter der Bar ein, um Cocktails und Drinks zu mixen, die sich die Gäste entweder direkt am Tresen bestellten oder die Kellnerinnen zu ihnen trugen.
Pina Colada, Peach Dream Lady, Sex On The Beach, Lady's Sidecar, Caipirinha, Wodka-Martini, Mai Tai. Eine kurze Zeit der Ruhe, dann: "Ich nehme einen Tequila." Ich blickte dem Mann ins Gesicht, nickte und stellte ein Schnapsglas auf den Tresen. Das füllte ich mit dem gewünschten Schnaps und steckte einen Zitronenschnitz an den Rand. Als ich zum Salz greifen wollte, sagte der Mann: „Nein, kein Salz.“ Die Frau neben ihm kicherte und zog sich das T-Shirt über den Kopf. Ich erstarrte in meiner Bewegung. Meine Hand klebte am Salzstreuer und meine Augen an ihren Brüsten, die durch die schwarze Spitze ihres Büstenhalters hindurch schimmerten. Ich riss meine Augen los und warf Thorsten einen Blick zu. Er schüttelte langsam den Kopf, lächelte dabei allerdings. Die Frau legte sich rücklings auf zwei Barhocker, so gut es ging. Ihre Beine hingen nach unten, den Kopf hielt sie in der Schwebe. Ihr Freund drückte die Zitronenscheibe über seinem geöffneten Mund aus, dann goss er den Tequila in ihren Bauchnabel, sie schrie auf. Die Flüssigkeit rann über ihren Bauch und tropfte auf den Fußboden. Alle starrten, als der Mann begann, den Tequila aus ihrem Bauchnabel zu schlürfen.
"Hast du nichts zu tun?", rief ich Thorsten zu. Er zuckte zusammen, blickte mich an und lächelte um Nachsicht heischend. Inzwischen hatte sich die junge Frau wieder aufgerichtet und war dabei, sich ihr Shirt überzuziehen. Ihr Freund drückte sie an sich und küsste sie, sie lächelten einander an, dann wandten sie sich mir zu und lächelten mich an. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als die Frau sagte: "Zwei Caipis bitte."

"Du musst dir das echt abgewöhnen", sagte Thorsten, als alle Gäste verschwunden waren, wir die Tür abgeschlossen hatten und Stille sich über die Unordnung gelegt hatte, die der Abend und die Nacht hinterlassen hatten. Die Stille hatte etwas Feierliches an sich, das auch Thorsten wahrzunehmen schien, denn seine Worte kamen nur als Flüstern aus seinem Munde. "Ich rede vom Zuspätkommen."
"Das habe ich mir schon gedacht."
"Das wird dich irgendwann den Job kosten."
"Dann suche ich mir einen neuen."
"Und was soll ich dann machen?"
Ich ließ Thorstens Frage unkommentiert und stellte die gebrauchten Gläser in die Spülmaschine. Nach einer Weile fragte Thorsten: "Lust auf Frühstück nachher?"
Ich nickte.
"Um neun bei mir?"
"Gut. Ich werde versuchen, pünktlich zu sein."
Thorsten verdrehte die Augen. "Wenn ich das schon höre."
 



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